Ja, heute ist wieder Freitag, also ist Regen angesagt. Die Wettervorhersage ist jedenfalls eingetroffen, daher ist es in der Früh bereits nass. Wir starten bereits in Regenmontour. Meine Regenjacke ist zwar imprägniert, weiß aber nichts davon und lässt das Wasser durch.
Der Weg ist toll. Es geht einige Kilometer entlang der Ru Neuf (Wasserleitung) fast eben dahin.

Zwischendurch wird das Wasser durch kleine Tunnel geführt, manchmal durch Verrohrungen, manchmal fließt es einfach offen im Kanal. Der Weg ist dem Wassergefälle meist angepasst und angenehm zu gehen.


Irgendwann ist auch einmal ein Felsbrocken über dem Ru zu liegen gekommen.

Mein Pilgerkollege ist schon etwas länger unterwegs. Ihm macht der Regen nichts aus. Ich bin nass bis auf die Haut. Da hilft nur zügig weitergehen.

Jetzt zeigt der Wegweiser, dass ich in Tal absteigen soll.

Da unten in den Wolken liegt Gignod

Zuerst geht es über Wiesenwege recht steil bergab. Kurz vor dem Ort gibt es sogar eine elegante Treppe.

Die Pflaumen führen jeden Pilger in Versuchung. Nur wenige können widerstehen. Vielleicht nur, weil das Haus zu nahe ist.

Es schüttet so richtig, sodass ich froh bin mich in der Kirche unterstellen zu können.
Die Chiesa parrocchiale di Sant’Ilario hat einen prächtigen, vergoldeten Altar und ein kleines Kirchenmuseum mit interessanten Reliquien.




Ganz feinfühlig war man in der „alten Zeit“ nicht gerade.

Ich wandere im Regen weiter, immer tiefer ins Tal. Schließlich komme ich ins Stadtgebiet von Aosta, aber noch lange nicht ans Ziel.

Frauen waschen am öffentlichen Brunnen Tomaten, die verarbeitet werden.

Noch einmal geht es kurz nach oben. Dann erfolgt der entgültige Abstieg in die Stadt.

Der Torre dei balivi, der heute ein Musikinstitut beherbergt, stammt aus dem 12. Jhdt.

Gleich um die Ecke steht meine Unterkunft für heute. Das Ristoro Foyer wird von geistlichen Schwestern geführt und gibt Pilgern preiswerte Unterkunft.

Zuerst steht Duschen am Programm, dann die Versorgung der Kleidung zum Trocknen. Hoffentlich wird das bis morgen geschehen.
Dann erkunden ich die Stadt. Ich steige bei den Römern in die Geschichte der Stadt ein. Diese haben 25 v. Chr. die hier ansässigen Salasser deportiert oder versklavt. Unter Augustus entstand aus einem bereits bestehenden Legionslager heraus die Kolonie Augusta Praetoria Salassorum. In der Stadt wohnten zunächst vor allem rund 3000 Veteranen der kaiserlichen Leibwache! Da braucht es natürlich entsprechende Infrastruktur wie ein Theater, ordentliche Befestigungen und Stadtmauern mit entsprechenden Toren.
Die römische Stadt hatte die für solche Kolonien übliche regelmäßige rechteckige Form mit einer Länge von 727 Metern und einer Breite von 574 Metern.
Die römische Kolonie lag an der wichtigen Alpenstraße von Mediolanum (Mailand) über den Kleinen St. Bernhard (lat. Alpis Graia) nach Lugdunum (Lyon) im Rhonetal, der Konsularischen Straße nach Gallien, lat. Via publica Galliarum. Nach der Öffnung des Grossen Sankt Bernhard, der in der Römerzeit Mons Iovis hieß, in das Wallis nahm die Bedeutung des Ortes, der an der Kreuzung der Passstraßen liegt, noch zu.




Ich bin überrascht, dass der Erzbischof Anselm von Canterbury eigentlich Anselm von Aosta ist. Er wurde hier um 1033 geboren und starb 1109 in Canterbury. Eine tolle Verbindung zur Via Francigena.

Sehr früh entwickelte sich Aosta zu einem Zentrum der Christen. Im 4. Jahrhundert wurde in Aosta ein Bischof eingesetzt. Bischof Gratus von Aosta, der im 5. Jahrhundert lebte, ist heute Patron der Stadt und der Provinz.
Die Überreste der ursprünglichen Laurentiusbasilika sind heute gut dokumentiert zu besichtigen.

Gleich daneben steht die Chiesa dei Santi Pietro e Orso. Die Kirche wurde seit dem 8. Jhdt. ständig erweitert und umgebaut. Die alten Elemente wurden in die Umbauten integriert.




Heute lebe ich wieder gesund.

Tagesstrecke: 14,8 km; ↑342 m; ↓1003 m
