In der Nacht höre ich, dass Regentropfen an das Mobilehome klopfen und ich denke mir, dass die Regenfront bis zum Morgen durchgezogen sein sollte.
Mein Zuhause für eine Nacht
Bis zum Aufbruch um 08.30 Uhr hat es wirklich aufgehört zu regnen. Ich verlasse den Platz und kann unweit davon an die Via Francigena andocken.
Camping l’Orée des Caps
Der Boden ist weniger rutschig als befürchtet und das bisschen nasse Gras halten die Schuhe gut aus.
Wiesenweg
Auf dem Bild kommen die 100 Höhenmeter gar nicht zur Geltung, die es den Hügel hinauf und dann gleich auf der anderen Seite wieder runter geht.
Bei Licques
„Le Val“ – „Das Tal“: so einfach können Ortsnamen sein.
Le Val
In einem Park in Yeuse versteckt steht ein schönes Herrenhaus.
Yeuse – Herrenhaus
Aus einem Automaten werden frische Erdbeeren angeboten: 3,50 € für einen kleinen Becher.
Erdbeeren
Wieder gehe ich heute entlang des Hügelkamms und da steht auf 122 m ü.M. die Ruine der Kirche Saint-Lois-de- Guémy. Sie stammt aus dem 15. Jhdt. Bei gutem Wetter soll man die Kippen von Dover sehen können.
Saint-Lois-de- GuémySaint-Lois-de- Guémy
Nach einem längeren Waldstück komme ich nach Tournehem-sur-la-Hem.
Tournehem-sur-la-Hem
Im Zentrum steht das Cafe de la Mairie, wo ich mir einen Imbiss hole. Die Inhaberin vermittelt mir ein Quartier, das ich gestern nicht erreichen konnte.
Tournehem-sur-la-Hem – Cafe de la Mairie
Die Dorfkirche, dem Hl. Médard geweiht, sieht von außen sehr einfach aus, hat aber einen tollen Chorraum. Sie entstand im 15. Jhdt.
Mein Quartier liegt etwa drei Kilometer von Tournehem-sur-la-Hem entfernt in einem kleinen Weiler namens Nort-Neulinghem. Der Besitzer des B&B steht gerade auf dem Dach und setzt neue Dachlatten. Seine Frau begrüßt mich im Hof und wir fixieren meinen Aufenthalt.
In der Ferme du Pres vert gibt es ein B&B, aber auch eine Brauerei. Hoffentlich gibt’s beim Abendessen etwas zu verkosten.
Ferme du Pres vertFerme du Pres vert
Das Dorf ist überschaubar und die Kirche steht gerade im Gerüst. Viel gibt es hier nicht zu entdecken.
Gleich vorweg, bevor mich die Puristen unter den Pilgern steinigen, vierteilen und anderes mehr antun: Ich habe heute aus drei eins gemacht. Ich habe die Etappen 3 und 4, von Calais nach Wissant und von Wissant nach Guînes, ausgelassen und bin direkt von Calais nach Guînes gewandert und habe dann noch die Etappe 5, Guînes nach Licques, angehängt. Der alte Bischof Sigeric hätte es wahrscheinlich genauso gemacht, wenn der Hafen von Calais so gut ausgebaut gewesen wäre und der Sumpf (Marschland) nördlich von Guînes leichter zu durchqueren gewesen wäre.
Die Nacht war trotz der Zentrumslage und dem offenen Fenster sehr ruhig, das Frühstück ausreichend und das Wetter mit 15 Grad ideal zum Wandern.
Gleich hinter dem Rathaus führt eine hochmoderne, geschwungene Radfahrer- und Fußgängerbrücke über den Canal de Calais á Saint-Omer.
Brücke
Ich werde heute über lange Strecken verschiedenen Kanälen folgen.
Canal de Calais á Saint-Omer
Auch am Samstag ab acht Uhr hat das Kultur- und Museumszentrum Cité de la dentelle et de la mode de Calais offen. Ich hole mir einen schönen Stempel. Der Bau ist beeindruckend und erinnert an den „Alien“ in Graz.
Cité de la dentelle et de la mode de Calais
Die Hebebrücken sind von Zeit zu Zeit noch in Verwendung.
Hebebrücke
Hier verläuft auch der Europäische Radweg Eurovelo EV5 mit meiner Tour ident. Es sind nicht allzu viele Radausflügler unterwegs.
Eurovelo EV5
Zwischendurch sind auch Wasservögel wie die Haubentaucher zu sehen.
Haubentaucher
Das Marais de Guînes ist ein einzigartiges und wertvolles Ökosystem, Heimat einer großen Vielfalt an Flora und Fauna. Seine Sümpfe, Feuchtwiesen, Teiche und Kanäle bilden einen idealen Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Die Marschlandschaft umfasst mehr als 12 Quadratkilometer.
Marais de Guînes
Ich komme schon früh, zu früh nach Guînes. Nach den Feiern zum ersten Mai sind noch alle Lokale geschlossen. Erst im zweiten Versuch und eine halbe Stunde später bekomme ich eine kleine Jause, die ich auf dem Hauptplatz genieße.
Guînes – Hauptplatz mit Rathaus
Die Stadt hat viel mehr Geschichte als man ihr zutrauen würde. Sie war im Mittelalter Hauptort der Grafschaft Guînes. Die Normannen ließen eine Motte anlegen, einen künstlichen Burgberg zur Verteidigung.
Guînes – Motte aus dem Jahr 928
Nach der Einnahme von Calais 1351 kam es zur der gewaltsamen Unterwerfung von Guînes durch die Engländer.
Der englische König Heinrich VIII. logierte hier im Juni 1520 während seines über 2-wöchigen Treffens mit dem König von Frankreich, Franz I. Hierfür wurde vor der Burg von Guînes auf einem steinernen Fundament auf einer Fläche von etwa 10.000 Quadratmetern ein Palast aus Holz und Stoff um einen zentralen Innenhof errichtet. Man wusste schon damals zu beeindrucken.
Am 7. Januar 1785 landeten hier die ersten Menschen, die den Ärmelkanal durch die Luft überquerten: Jean-Pierre Blanchard und der Engländer Jon Jeffries.
Im 2. Weltkrieg gab es hier einen Luftwaffenstützpunkt der Deutschen Armee, der für den Luftkampf um England wichtig war.
Alter Stadtplan
Ich schließe an die diese Etappe gleich die nächste an. Es geht weiter in Richtung Licques.
Plötzlich wird es hügelig. Es geht durch scheinbar endlose Wälder.
Buchenwald
Manchmal verläuft der Weg auf breiten Forststraßen, dann wieder auf schmalen Pfaden.
Forststraße
Zwischendurch gehe ich entlang der Trasse der Kanaltunnelbahn nach Folkstone.
Ärmelkanalbahn
Längere Zeit zieht sich der Weg auf dem Hügelkamm entlang, um dann plötzlich ins Tal abzufallen.
Am Hügelkamm entlang
Als sich der Wald auftut, steht die Abteikirche von Licqes in Sichtweite.
Licques
Die Kirche und das Prämonstratenser-Kloster wurden im 12. Jhdt. gegründet.
Licques – Kirche
Die heutige Nacht verbringe ich in einem modernen Mobile Home auf dem Campingplatz Camping le Cachy.
Mobilhome
Das Tagesmenü am Platz ist einfach, reichlich und schmackhaft.
Wie gestern versprochen, möchte ich heute noch einen bekannten Mann aus Canterbury vorstellen: Geoffrey Chaucer. Er hat im 14. Jhdt. die Canterbury Tales verfasst. Zwei dieser Erzählungen sind in Prosa, die übrigen in Versen verfasst. Die Sprache ist das Mittelenglische, die Volkssprache jener Zeit. Die Texte gelten als sehr freizügig, wie es der damaligen Zeit entsprach. Die Stadt hat ihm ein Denkmal gesetzt.
Geoffrey Chaucer (ca. 1342 – 1400)
Der heutige Tag beginnt für mich sehr früh. Der Zug nach Shepherdswell geht um 05.35 Uhr ab Canterbury East. Mit einem Instantkaffee und zwei Cookies ist das Frühstück erledigt.
Canterbury East
Die Bahn ist wieder gut ausgestattet: Steckdose und zwei USB-Stecker pro Doppelsitz. Der Zug ist fast leer.
South Western Railway London – Dover
Um 05.55 bin ich auf dem Weg. Vorerst gehe ich zurück zur Dorfkirche. Unterwegs gibt es einige Häuser zu kaufen.
Shepherdswell
Die Dorfkirche ist das Zentrum des Ortes.
Shepherdswell
Zwischen zwei Häusern versteckt ist der Durchgang zum Weiterweg.
Via Francigena
Die Fußwege genießen in Großbritannien einen besonderen Schutz. Wenn ein Landwirt beim Pflügen den Weg umackert, muss er ihn danach wieder instandsetzen.
Fußweg
Manchmal „vergisst“ er auch darauf. Dann kann man nur „Daumen mal Pi“ nehmen und den Verlauf erahnen. Einer hat es schon gestern vor mir gemacht. Ich folge seinen Spuren. (Ich habe ihn zufällig heute kennengelernt).
Fußweg
Raps und Pferdebohnen sind die meist angebauten Feldfrüchte in der Region.
RapsPferdebohne
Manchmal könnte man auf Verkehrszeichen verzichten:
Für extra schmale Autos Wohin jetzt?
Schneller als erwartet komme ich nach Dover. In der Stadt ist noch recht ruhig. Die meisten Geschäfte haben noch nicht offen.
Dover
An der Strandpromenade ist auch nicht sehr viel los.
Strandpromenade
Vielleicht soll das Denkmal für die Ärmelkanal-SchwimmerInnen animieren, mir ist das Wasser zu kalt und zu tief. Auf dem Wasser kann ich nicht so gut, deshalb nehme ich die Fähre. Andere gehen schon schwimmen.
Denkmal für die Ärmelkanal-SchwimmerInnenRein ins Wasser
Das Dover Castle soll auch einen Ausflug wert sein. Jedenfalls schwärmt die Lady in der Tourist-Info davon. Dafür ist aber keine Zeit.
Dover Castle
Die P&O ist die einzige Fährgesellschaft, die auf der Strecke Dover – Calais Fußpassagiere aufnimmt.
P&O Fähre
Die Ausreiseprozedur ist recht umständlich geworden. Zuerst geht man in das Büro von P&O (wenn man es findet), dort wird der Pass mit der Buchung abgeglichen und man bekommt ein Ticket für den Zubringerbus. Der fährt dann aus dem Hafen etwa zwei Kilometer zur Kontrolle der französischen Polizei. Dann geht es wieder zurück in den Hafen, wo uns der Bus als erstes Fahrzeug direkt auf dem Schiff aussteigen lässt und wieder ausfährt.
Ankunft auf der Fähre
Auf der Fähre esse ich ein Nudelgericht, Pommes wären mit Sicherheit besser gewesen.
Fähre
Bei der Ausfahrt aus dem Hafen leuchten die Cliffs of Dover in der Vormittagssonne.
Cliffs of Dover
Nach etwa 90 Minuten Fahrtzeit auf ruhiger See kommen wir in Calais an. Durch den Zeitzonenwechsel sind es zweieinhalb Stunden.
Port de Calais
Als letzte dürfen wir wieder mit einem Bus das Schiff verlassen. Nach einem Zwischenhalt bei einem Busterminal bringt uns der Bus direkt in das Stadtzentrum. Die Haltestelle ist direkt bei meinem Hotel. Perfekt!
H€CO – Hotel: Klein, günstig, sauber, zentral
H€CO – HotelH€CO – Hotel
Da muss ich einen kleinen Stadtbummel anschließen:
Das neue Rathaus mit dem 75 m hohen Turm steht keine 200 m entfernt.
Calais – Hotel de Ville
Auch das bekannte Denkmal von Auguste Rodin „Die Bürger von Calais“ ist dort zu finden.
Rodin – Die Bürger von Calais
Dann wende ich mich der Altstadt zu und schließe mich auf dem Place d’Armes den vielen Besuchern der Cafés an.
Place d’Armes
Meinen einzigen Tag am Meer möchte ich kulinarisch entsprechend ausklingen lassen und esse hervorragende Miesmuscheln mit Fritten. Dazu ausnahmsweise ein Bier als elektrolytisches Ausgleichsgetränk. Da nimmt man die Klauberei gerne in Kauf.
Ein schöner Tag erwartet mich für meinen Start. Das Frühstück im Haus ist erst um 8.00 Uhr. So kann ich in der Früh noch trödeln. Das Angebot ist nicht reichhaltig, auch nicht mickrig.
Ich hole schnell meinen Rucksack und es geht vorerst einmal zur Kathedrale, dem Ausgangspunkt der Via Francigena.
Via Francigena – Startstein
In der Kathedrale findet gerade ein Morgengottesdienst statt, der gerade zu Ende geht. Die reguläre Öffnungszeit ist um 10 Uhr, viel zu spät für einen Pilger.
Auch der North Downs Way startet hier.
Startpunkt des North Downs Way
Durch die Gassen des „alten“ Canterbury ziehe ich gegen Süden.
Die Ruinen der St. Augustine’s Abbey, gegründet 598, habe ich durch den Zaun gesehen. Die Abtei war bis 1538 aktiv, wurde aber dann als Baustoffquelle verwendet.
St. Augustine’s Abbey
Auch die Stadtmauer und Befestigungstürme sind noch zu sehen.
Stadtmauer
Markierungen für die Via Francigena sind vorerst nur sporadisch zu finden, der North Downs Way ist da besser vertreten. aber einen Pilgrims Way, einen Pilgerweg gibt es hier sogar mit Hausnummern.
Pilgrims Way
Dann endlich bin ich aus der Stadt und auf dem freien Land. Die Wege sind sehr unterschiedlich. Alles ist vertreten: Asphalt, Feldweg, Schotter.
Offene LandschaftFeldwegFeldweg
Die Blüten des Atlantischen Hasenglöckchens leuchten aus dem Grün. Auch der Bärlauch steht in Vollblüte.
Bärlauch (Allium ursinum L.)
Mehrere kleine Orte, fast Weiler, liegen auf meinem Weg. Jeder hat eine alte Kirche mit viel Geschichte und einen Friedhof mit windschiefen Grabsteinen. In Patrixbourne gibt es in der Kirche sogar eine Pilgerschlafstelle mit Dusche!
Patrixbourne – St. Mary’sPatrixbourne – St. Mary’sPatrixbourne – St. Mary’s
Zwischendurch bekomme ich Beobachtung aus der Luft
Hubschrauber
Schließlich komme ich an mein heutiges Tagesziel, Shepherdswell. Von hier fahre ich mit der Bahn zurück nach Canterbury. Shepherdswell ist ein kleiner Ort, der außer einer Dorfkirche nicht viel zu bieten hat.
Shepherdswell
Zurück in Canterbury gehe ich gleich zum Pilgerbüro bei der Kathedrale, um mir den Pilgerstempel, ein schönes Siegel, zu holen. Danach darf ich gratis in die Kathedrale. Das kostet sonst stolze 19 Pfund (22 Euro).
Canterbury – Kathedrale WestfrontCanterbury – Kathedrale Westfront mit Queen Elisabeth II. und Prince PhilippCanterbury – KathedraleCanterbury – KathedraleCanterbury – KathedraleCanterbury – Kathedrale Chorwand
In der Kathedrale wurde Thomas Beckett im Auftrag des Königs Heinrich II. ermordet. Daraufhin bildete sich hier eine Wallfahrtsstätte für den bald heiliggesprochenen Hl. Thomas. Daraufhin hat König Heinrich VIII. den Schrein des Heiligen zerstören lassen.
Canterbury – Kathedrale, Stelle, wo St. Thomas ermordet wurde
Morgen stelle ich euch noch einen anderen berühmten Mann aus Canterbury vor.
Wenn ich schon auf der Insel bin, muss ich einmal Fish’n’Chips gegessen haben. Es war sehr köstlich.
Die Aufregung ist groß: Das Gepäck ist aufgegeben und wurde soeben ins Flugzeug verladen. Das Bahnticket nach Canterbury ist bestätigt. Jetzt muss nur noch der Zeitplan halten.
Flughafen Graz
Ich fliege mit der British Airlines um 11.45 Uhr von Graz nach London-Gatwick und sollte dort etwa um 13.05 Uhr ankommen.
Boarding
Gleich nach dem Start überfliegen wir die Schwarzl – Seen und die Wundschuher Teiche.
Über der Weststeiermark tauchen wir in die Wolken ein, bis wir die Flughöhe von über 10500 m und eine Geschwindigkeit von 745 km/h erreicht haben.
Ich habe drei Sitze für mich alleine und kann mir aussuchen, ob Gang- oder Fenstersitz.
In der Kabine
Nördlich von Innsbruck über Bayern habe ich wieder Bodensicht.
Südbayern
Dann taucht der Bodensee unter uns auf und der Rheinabfluss ist zu erkennen.
Schließlich hilft eine kleine Kurve mit, dass ich den Rheinfall bei Schaffhausen aus 10 km gut erkennen kann.
Die Schweiz ist rasch überflogen, wir sind in Frankreich. Die Felder ergeben ein buntes Bild.
Frankreich
Je näher wir der Atlantikküste kommen, desto schlechter wird die „Straße“.
Küste der Normandie
Wir erreichen die Küste Englands südlich von Folkstone bei Hastings
England Lydd-on-SeaBei Hastings
Wir landen pünktlich in Gatwick. Um die Passkontrolle und die Gepäcksausgabe zu erreichen, ist ein Gewaltmarsch notwendig: die ersten Pilgerkilometer sind geschafft.
Airport London-Gatwick
Der Queen ist zu ihrem 100. Geburtstag eine riesige Wandfläche gewidmet.
Queen Elisabeth 100
Die Bahnstation ist sehr großzügig und übersichtlich gestaltet.
Trainstation London-Gatwick
Auf dem Weg nach Canterbury muss ich zwei Mal umsteigen. Der erste Zug ist fast leer. Er ist sehr sauber und bequem (für eine Vorstadtlinie)
ThameslinkThameslink
Alle Züge fahren auf die Minute genau und so bin ich kurz vor 17.30 Uhr am Bahnhof von Canterbury.
Bahnhof Canterbury
An der Highstreet komme ich am Westgate vorbei. Die beiden Türme sind recht massiv.
Canterbury – Westgate
Ich überquere den Great Stour, auf dem man auch auf Plätten durch die Stadt fahren kann.
Canterbury – Great Stour
Durch das Christchurch Gate gelange ich auf das Gelände der Kathedrale von Canterbury.
Ein kleiner Ausblick auf morgen, wenn ich auch in die Kathedrale gehen werde.
Ich beziehe für zwei Tage Quartier in der Greyfriar Lodge, einem uralten Haus mit verwinkelten Gängen und Treppen, aber für englische Verhältnisse fast feudal.
Die Via Francigena oder der Frankenweg ist einer der tradtitionsreichen Pilgerwege Europas und führt von Canterbury durch Frankreich und die Schweiz, überquert die Alpen am Großen St. Bernhard-Pass und führt durch die Toskana bis nach Rom. Er basiert auf der Reise des Erzbischofs Sigeric im Jahr 990, führt durch 5 Länder und ist eine Kulturroute des Europarates.
Karte Gesamtweg Via Francigena
Die Via Francigena beruht auf einem wesentlich älterenen System aus Fernhandelsrouten und Heerstraßen, die Europa von je her durchzogen und von den Pilgern auf dem Weg zu den Gräbern der Aposten Petrus und Paulus benutzt wurden. Sigeric hat also schon vorhandene Wege und Routen benutzt und auch beschrieben. Heute sind diese Routen durch das Wiederentdecken des Wanderns zu neuem Leben erweckt worden.
Ich möchte im 1. Abschnitt die Strecke von Canterbury – Dover, Calais – Arras – bis Reims wandern und kennenlernen. Dabei werde ich mich im Wesentlichen an die Route des Bischofs Sigeric halten.
Karte Canterbury – Reims
Das Zeichen der Via Francigena ist dieser stilisierte Pilger, den auch ich auf meinem Rucksack trage.
Die Zusammenfassung des 3. Abschnittes des Lutherweges 1521 beschreibt den Weg, den Martin Luther 1521 auf „Einladung“ des Kaisers von Eisenach (Wartburg) nach Worms und retour zurückgelegt hat. Der 1. Abschnitt endete 2024 in Niederjossa, dann schloss 2025 die Fortsetzung bis Frankfurt an. 2026 folgte schießlich der Weg bis Worms.
Anreise und Rückfahrt: Für beide Reisebewegungen haben wir uns für die Bahn entschieden: Durch die Verbindung über den Koralmtunnel gibt es ICE-Direktverbindungen von Graz nach Frankfurt. Auch die Rückfahrt erfolgte ab Frankfurt. Auf beiden Fahrten kommen wir recht pünktlich an.
Der Weg: Vorab: Die meisten Wegabschnitte sind sehr gut markiert. Öfters verlaufen mehrere Wege auf identer Strecke. Trotzdem ist es kein Nachteil, über ein Offline – GPS-App (OsMand+) zu verfügen, um sich auch alternative Routen aussuchen zu können.
Wir haben unsere Route an den letzten drei Tagen etwas von der „offiziellen“ Route abgewandeltet, weil sie für uns eine bessere Alternative für die Quartiere bot.
Die Strecke ist im Wesentlichen sehr gut markiert. Weite Strecken verlaufen in Welädern oder Weinbergen. Der Asphaltanteil ist zeitweise hoch, aber in guter Relation mit anderen Wegen. Bis zum Rhein ist die Strecke durchgehend eben, ab Oppenheim bieten die Weinberge etwas Abwechsung. Stark befahrene Strecken müssen kaum begangen werden.
Unterkunft und Verpflegung: Im Anhang gibt es auch eine Unterkunftsliste, die aber nur eine Anregung sein kann. Die Aktualität ist sehr unterschiedlich. Im Wesentlichen ist man auf Pensionen und Hotels angewiesen. Die Qualität der Quartiere ist nicht immer vom Preis abhängig. Herbergen im Sinne des spanischen Jakobsweges gibt es nicht.
Ab Oppenheim haben wir uns entschlossen, ein Quartier für drei Nächte in Worms zu nehmen und mit dem Zug bzw. Bus hin-und herzufahren. Das hat viel Zeit und Aufwand erspart!
Es lohnt sich, sich rechtzeitig um die Verpflegung zu kümmern. Es kann durchaus sein, dass es zwar eine Unterkunft, aber kein Essen gibt, oder, dass alle Geschäfte geschlossen sind. Sonst gibt es natürlich meist „gutbürgerliche Küche“ = Schnitzel in jeder Form oder Pizza.
Natur und Kultur: Der Lutherweg führt durch seit jeher agrarisch genutzes Gebiet mit teilweise Jahrhunderte alten Siedlungen. Zum Glück sind nicht alle während des Dreißigjährigen Krieges oder im 2. Weltkrieg zerstört worden. Zahlreiche Naturschutzgebiete, vor allem Feuchtbiotope, sind am Wegesrand interessant. Auch die Vielzahl der Streuobstanlagen ist auffallend. Die ersten beiden Tagesetappen führen fast nur durch Waldgebiete.
Die kulturellen Highlights auf der Route sind zahlreich, seien es die vielen Relikte aus dem Mittelalter wie Kirchen und Burgen, oder die Bauten aus dem Barock. Fast jeder Ort kann mit einem mittelalterlichen Kern oder interessanten Gebäuden, meist Fachwerkbauten, aufwarten.
Wanderführer: Für den Lutherweg 1521 gibt es einen aktuellen Wanderführer aus dem Rotherverlag und einen älteren, der auch sehr gut ist. Ich habe zur Planung beide verwendet. Hinweise bekommt man auch auf der Website des Vereins: „Lutherweg 1521“ bzw. auf dessen Facebook-Präsenz.
Claus-Günter Frank, Lutherweg 1521: Ein deutscher Pilgerweg von Worms zur Wartburg. 24 Etappen. Mit GPS-Tracks (Rother Wanderführer) Taschenbuch – 6. Oktober 2021
Statistik: An den 7 Gehtagen haben wir mehr als 104 km zurückgeleg Dabei fielen etwa 560 Bergauf- und 590 Bergab- Höhenmeter an. Die bereinigten Tagesstrecken ohne Besichtigungen lagen zwischen 6,8 und 19,6 km, im Median 16,6 km.
Alle Angaben bezüglich der Quartiere und Distanzen sind ohne Gewähr. Es liegt in der Eigenverantwortung des Benutzers, sich von der Richtigkeit zu überzeugen.
Heute steht unsere letzte Etappe an. Am Bahnhof fährt unser Bus gerade weg, der nächste käme in einer Stunde. Wir finden rasch eine Alternative, die zeitlich sogar noch besser ist.
In Herrnsheim starten wir am Rande des Herrnsheim -Parks, den wir durchqueren und auf den Storchenturm stoßen.
Herrnsheim-Park
Aus einem mittelalterlichen Wehrturm wurde um 1820 ein gotisiertes Wohnhaus. Heute nisten Weißstörche auf dem Dach.
Herrnsheim-Park – Storchenturm
Die Pfarrkirche St. Peter ist auch heute geschlossen. Daneben bekommen wir den Stempel der Ortsvorsteherin in den Pilgerpass.
Herrnsheim – St.Peter
Wir verabschieden uns vom Winzerort, der schon auf über 1250 Jahre Geschichte zurückblicken kann.
Winzer
Auf ruhigen Radwegen kommen wir nun dem Stadtzentrum näher. Die Häuser haben noch Vorstadtcharakter. Wir folgen ein paar hundert Meter dem kleinen Fluss Pfrimm.
Im Zentrum von Worms werden wir von Martin Luther, dessen Weg wir nun 21 Gehtage lang gefolgt sind, begrüßt.
Worms – LutherdenkmalDer „betäubte“ Luther
Wir sind angekommen: In 21 Gehtagen und nach ca. 400 km haben wir Luthers Spuren von Eisenach nach Worms verfolgt. Glücklich sind wir am Ziel.
Wir sind da! Wormser Dom
Am Wormser Dom: Geschichte über zwei Jahrtausende
Beim Wormser DomErfolgreiche Pilger
Heidruns Versuch in Luthers großen Schuhen…
Luthers Schlapfen
Der mächtige Bau des Wormser Domes wurde im Wesentlichen von 1130 bis 1181 errichtet.
Unter den Mauern der heutigen Kirche liegen die Reste eines römischen Tempels und einer Merowingerkirche. Ein um 1018 eingeweihter erster Dom stürzte nur zwei Jahr später wieder ein. Im Jahr 1110 wurde der Dom zum zweiten Mal geweiht. Im Pfälzer Erbfolgekrieg (1688 – 1697) brannte der Dom völlig aus, die Gewölbe stürzten großteils ein. Bischof Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg ließ den Dom ab 1698 wiederherstellen. Nach der Französischen Revolution wurde er als Pferdestall verwendet.
Im Februar und März 1945 wurde der Dom bei Bombenangriffen erneut erheblich beschädigt.
Wormser Dom – romanischer WestteilWormser Dom – Westteil Wormser Dom – Westteil Wormser Dom – OstteilWormser Dom – Patron St. Peter
Die Salier hatten hier ihre Grablege: darunter Konrad der Rote, † 955, gefallen in der Schlacht auf dem Lechfeld; Konrad I., Herzog von Kärnten † 1011; Konrad II., Herzog von Kärnten, † 1039.
Grablege der Salier
Im Dom holen wir uns noch den letzten Pilgerstempel unserer langen Wanderung und beschließen diese in Dankbarkeit und Freude.
In der Früh nehmen wir wieder die S-Bahn, die uns von Worms nach Mettenheim bringt. Dort geht’s gleich wieder in die Weinberge, aber nur etwa 75 Höhenmeter.
Weinberge bei Mettenheim
Es geht ein leichter, aber kühler Wind. Heute ist vorerst wärme Kleidung gefragt.
Weinberg Blick ins Rheintal
Wir kommen nach Bechtheim, dem nächsten Weinort auf unserem Weg.
Bechtheim
Hier steht die St.-Lambertus-Basilika, eine dreischiffige romanische Pfeilerbasilika mit fünf Arkaden und flacher Decke aus dem 11. Jhdt.. Im 12. Jhdt. würde sie erweitert. Auf Grund der Größe nimmt man an, dass es sich um eine Wallfahrtskirche auf dem Weg von Speyer nach Bingen handelte.
St.-Lambertus-Basilika
Ab etwa 1700 war die Basilika Simultankirche für die lutherischen und die römisch-katholischen Gläubigen. Ein großes Eisengitter trennte beide Konfessionen. Die römisch-katholischen feierten ihren Gottesdienst im Hochchor.
In Osthofen stärken wir uns in einer Bäckerei und beschließen, bis nach Herrnsheim, das schon zu Worms gehört, weiterzugehen.
Mitten in Osthofen entsteht ein überdimensionaler Bau für Wohnungen.
Osthofen
Die evangelische Bergkirche und der Friedhof thronen über dem Ort.
Osthofen – Bergkirche
Vorerst gehen wir über Feldwege, dann bringt uns ein gut ausgebauter Radweg zum Ziel.
An der Straße L439
Hier treffe ich auf „alte Spuren“. Im Herbst 2020 kam ich auf meinem Weg von Graz nach Köln hier vorbei.
Linksrheinischer Jakobsweg
Das Schoss Herrnsheim war ehemals der Herrschaftssitz der Herren von Dalberg, die das Amt der Kämmerer des Bischofs von Worms bekleideten. Heute gehört es der Stadt Worms, die es gerade aufwändig revitalisiert.
Schloss Herrnsheim
Der große englische Schlosspark ist der bedeutendste in Rheinland-Pfalz.
Schloss Herrnsheim
Jetzt nehmen wir einen Stadtbus, um ins Zentrum von Worms zurückzufahren.
Da das Frühstück erst um 8 Uhr möglich ist, verschiebt sich auch der Beginn unserer Tagestour. Mit der S6 geht es wieder von Worms nach Oppenheim.
S6
Der Aufstieg in die Stadt fällt uns im ausgeruhten Zustand leichte als gestern.
Oppenheim
Durch das Gautor verlassen wir den Altstadtkern und sind gleich mitten in den Weingärten.
Oppenheim – Gautor
Leider wird der Fernblick durch Wolken und Dunst getrübt.
Rheintal bei Oppenheim
Die Katharinenkirche, die wir gestern besucht haben, liegt schon unter uns.
Oppenheim – Katharinenkirche
Zwischen den Weinzeilen wird Raps als Bodenaufbesserer gesät und dann gemulcht.
Weingarten
Wir machen immer wieder „außerplanmäßige“ Routenänderungen. Dank des Navigationssystems finden wir immer auf die Hauptroute zurück.
An Ludwigshöhe gehen wir oberhalb des Ortes vorbei.
Ludwigshöhe
Der nächste größere Ort ist Guntersblum. Wie die meisten Orte hier hat auch Guntersblum eine lange Geschichte. Der Weinbau hat die Bürger wohlhabend gemacht.
Der Beginn der Errichtung der Kirche Sankt Viktor in Guntersblum wird etwa auf das Jahr 1100 geschätzt.
Eine Besonderheit der Guntersblumer evangelischen Kirche sind die so genannten „Heiden-“ oder „Sarazenentürme“. Deren „Bekrönungen“ nennt man dabei oft „Kreuzfahrerhelme“, „armenische“ oder „rheinhessische Helme“. Sie würden durch die Kreuzfahrer „mitgebracht“ und sind in Deutschland nur fünfmal zu finden.
Guntersblum – Kirche St. ViktorGuntersblum – Kirche St. ViktorGuntersblum – Kirche St. Viktor – Taufstein um 1490
Nach Guntersblum steigen wir wieder die Weinberge hinauf und kommen in Hängen-Wahlheim bei der Ruine der Kirche St. Magdalena und St. Jakobus vorbei. Das spätgotische Kirchlein wurde wahrscheinlich im 17. Jhdt. zerstört und jetzt durch eine Privatinitiative wieder aus dem Dornröschenschlaf erweckt.
Ruine der Kirche St. Magdalena und St. Jakobus
Die Pflasterung mit groben Steinen erleichtert das Befahren mit Fuhrwerken, beim Wandern geht’s auf die Füße.
Hohlweg im Weinberg vor Alsheim.
Alsheim ist wie ausgestorben. Das ansehnliche Bürgerhaus ist nicht zu übersehen.
Alsheim – Bürgerhaus
Zum Ausgleich gibt es auch Wiesenwege.
Bei Alsheim
Die letzt Station unserer heutigen Wanderung ist Mettenheim, wieder ein typischer Weinbauort mit recht schönen Häusern.
MettenheimMettenheim
Bei der evangelischen Kirche finde ich auch einen Stempelkasten für unsere Pilgerstempel.
Mettenheim – Bartholomäus-Kirche
Vom Bahnhof am anderen Ende des Dorfes fahren wir mit der S6 wieder zurück nach Worms.