Die Nacht in der Herberge war trotz vollem Zimmer sehr ruhig. Im Frühstücksraum treffe ich auf Mitpilger und alle sind schon neugierig, was der Tag bringen wird. Dann geht’s auch schon gleich nach acht Uhr los.
Die erste gute Nachricht: der Grand-Saint-Bernard ist frei.
Verkehrszeichen
Gleich neben der Bahn beginnt der Wandersteig entlang des Dransetals.
Bahnlinie nach Sembrancher
Anfangs ist es ganz gemütlich. Schon bald geht’s aber rauf und runter.
Entlang der DranseEntlang der Dranse
Ein kleine Hutschpartie auf der Stahl- Hängebrücke ist sicher eine Herausforderung für Nicht-Schwindelfreie.
Hängebrücke
Mein Weg ist der 70er.
Wegweiser
In Valettes ist noch Napoleon gegenwärtig. Auch eine Gartengestaltung ist mir aufgefallen.
Cafe Napoleon „Künstlerische Gartengestaltung“
Der Verkehr im engen Tal erzeugt seht viel Lärm. Zum Glück bin ich als Fußgänger gut vom Schnellverkehr abgegrenzt. Der Lokalverkehr ist minimal.
Bundesstraße B21 zum St. Bernhardtunnel
Die kleine Kirche in Bovernier hat ein schönes barockes Marienbild am Hochaltar.
Bovernier – Pfarrkirche
Dann wird es richtig anstrengend. Irgendwann in den vergangenen 100 – 300 Jahren ist ein großer Bergsturz heruntergekommen und hat einen heute bewaldeten Steinhaufen hinterlassen. Über den führt heute unser Weg. Zum Glück ist es sehr gut markiert, sonst würde man sich sofort vergehen.
WanderwegWanderwegWanderweg
In Sembrancher, einem alten, wichtigen Handelsort, mache ich eine Pause.
SembrancherStärkung
In einer Nebengasse stehen einige alte Holzbauten. Eine trägt sogar die Jahreszahl 1608.
Sembrancher – Alte Holzbauten Sembrancher – Alte Holzbauten Sembrancher – Alte Holzbauten
Dann geht’s wieder geradewegs nach oben. Da fallen mir kleine Felder in etwa 900 m Höhe mit Heil- und Gewürzpflanzen auf. Hier werden die Kräuter für Ricola produziert.
Heilpflanzen Thymian
In einer Kapelle im Weiler La Garde steht dieser entzückende Altar.
Kapelle von La Garde
Ein Russischer Bär dürfte ziemlich an seinem Lebensende angekommen sein.
Vor mir liegt schon mein Zielort Orsières, aber es geht noch ständig auf und ab. Aus dem Hintergrund leuchtet schon der nächste Gletscher herunter.
Orsières
Hier wäre ein Erfinderziel angesagt: Energierekuperator für Wanderer. Aus der geänderten Lagernergie sollte doch die Energie dem Wanderer wieder zugeführt werden können. Ich glaube, da werde ich vergebens darauf warten. Besser mit Hopfensaft nachtanken.
RaufRunter
Ich erreiche Orsières, auf 890 m ü.M., das durch seine Lage nahe des Passüberganges wichtig war. Heute wirkt der Ort eher verschlafen.
OrsièresOrsièresOrsières – Kirche Saint-Nicolas-de-MyreOrsières – Kirche Saint-Nicolas-de-Myre
Ich habe in der Nacht herrlich geschlafen. Erst kurz vor sieben, knapp bevor die Glocken zu läuten beginnen, werde ich wach.
Bevor ich loswandere, gehe ich noch kurz in die Basilika. Wieder bin ich allein, diesmal gibt es keine Orgelbegleitung.
Saint-Maurice war zunächst der keltische Ort, der wegen seiner strategischen Lage am Eingang zum oberen Rhonetal die Aufmerksamkeit der Römer auf sich zog. Nach der Eroberung richteten die Römer dort in Agaunum einen Militärposten und eine Zollstation ein, um Abgaben von den Händlern zwischen Italien und Gallien zu erheben, denn der Ort lag an einer der großen Handelsstraßen, die über den Mons Jovis (Jupiterberg) von Italien nach Germanien und Gallien führte.
Saint-Maurice
Mauritius, der Hauptmann einer Abteilung einer Legion, erlitt dort angeblich mit allen seinen Soldaten gegen Ende des 3. Jahrhunderts den Märtyrertod. Die Überreste von Mauritius und seinen Gefährten wurden von Bischof Theodor (auch: Theodul), dem ersten Bischof des Wallis, in ein Heiligtum an der Basis des Felsens beim heutigen Ort Saint-Maurice überführt.
Soweit die Vorgeschichte. Im Jahr 515 beauftragte König Sigismund von Burgund Mönche, hier ein Kloster zu errichten. Dieses Datum gilt als Gründung der Abtei Saint-Maurice, die damit als eine der ältesten Abteien der Schweiz anzusehen ist.
Die damaligen Herrscher Mitteleuropas waren sehr an der Abtei interessiert (oder doch an den Mauteinnahmen?)
Die Stadt war auch das Ziel von Plünderungen, so waren 574 die Langobarden auf „Schatzsuche“ und im 10. Jhdt. sogar die Sarazenen.
Die heutige Kirche entstand im 17. Jhdt. neben den Vorgängerbauten. Dadurch ist heute der Platz für die Ausgrabungen zugänglich.
Genug der Geschichte….
Nach einem kleinen Frühstück ziehe ich in Richtung Süden das Rhonetal aufwärts. Der Himmel ist klar und die Bergspitzen, die gestern noch wolkenverhangen waren, sind heute frei.
Cime d’Est ?
Der Weg führt über Wiesen, durch kleine Ortschaften und kleine Wäldchen. Zwischendurch gibt es kleine Steigungen. Eigentlich sehr gemütlich.
WegeWegeEvionnazWäldchen Evionnaz
Bei Evionnaz sind noch alte Verteidigungslinien aufgebaut. Sie dienen heute nur mehr dem musealen Gebrauch.
PanzersperrenGeschützstellung im Berg
Aus der Ferne leuchtet ein Berg mit riesigem Gletscher herunter. Es ist der Grand Combin. Er gehört mit 4309 m zu den höchsten Bergen der Alpen.
Nicht weit davon befindet sich die Gorges du Trient, eine eindrucksvolle Schlucht, die der Trient-Bach bis 200 m in den Felsen geschnitten hat.
Grand Combin 4309 m
Die Pissevache oder Cascade de Pissevache, auch Cascade de Salanfe (Salanfe-Wasserfall), ist ein 116 m hoher Wasserfall in bei Mieville.
Cascade de PissevacheCascade de Pissevache
Gleich daneben steht ein Laufkraftwerk im Berg. Ein altes Peltonrad erinnert daran.
Dieser Stadtteil von Martigny ist sehr offen und frei. Viele Plätze lockern den Häuserverband auf.
Eingang zur Gorges du TrientGorges du TrientGorges du TrientGorges du TrientGorges du Trient
Direkt über dem Schluchteingang verläuft die Bahnlinie des Montblanc-Express von Martigny nach Chamonix und weiter nach Saint-Gervais-les-Bains Le Fayet.
Auf der 18 km langen Strecke überwindet die Bahn Steigungen von 7 % im Adhäsionsbetrieb und 20 % im Zahnradbetrieb.
Ich mache einen kleinen Rundgang und komme zum römischen Amphitheater, das auch heute noch in Verwendung steht. Das unter Kaiser Trajan errichtete Theater fasste etwa 5000 Besucher. Heute ist es unter anderem Austragungsort von Open-Air- Kinovorführungen im Sommer und von Kuhkämpfen.
Martigny-Bourg – Amphitheater
Ich komme noch kurz bei der Fondation Gianadda vorbei, einer Stiftung von Museen, öffentlichen Einrichtungen und vieles andere. Ihr Gründer war Journalist, Baumeister, Kunstsammler und Mäzen.
Fondation GianaddaFondation Gianadda
Zum Einstimmen auf Italien gibt es heute köstliche grüne Pasta mit Lachs.
Heute Nacht hat es ein Gewitter gegeben, mit wenig Donner, aber viel Regen. In der Früh war alles wieder klar. Im See schwimmen schon die Eifrigen.
Genfersee
Nach dem Frühstück fahre ich mit der Bahn wieder nach Aigle.
Da ich in der Früh meinen Sonnenhut nicht gefunden habe, habe ich vermutet, ihn aus der Regenjacke verloren zu haben. Daher mache ich mich in Aigle auf, einen Ersatz zu finden. Durch Zufall sehe ich in einem chinesischen Ramschladen ein paar Exemplare, einer von guter Qualität passt bestens. Zur ganzen „Aufregung“: Am Abend finde ich mein verloren geglaubtes Stück in der zweiten Jacke.
Ich lerne dadurch auch ein Stück Aigle kennen. Im Quartier du Bourg mit seinen schmalen Gässchen sind die eng zusammenstehenden Häuser teilweise durch Lauben verbunden.
Aigle – Quartier du BourgAigle – Quartier du Bourg
Pferdefleisch wird hier in der Metzgerei und in Restaurants angeboten.
Aigle – Metzgerei mit Pferdefleisch
Mit Verspätung mache ich mich auf den Weg. Hinaus aus der Stadt führen die Wegweiser zum Quartier du Cloître, wo die Pfarrkirche Saint-Maurice von der ehemaligen Abtei übriggeblieben ist.
Aigle – Pfarrkirche Saint-Maurice
Das bedeutendste Bauwerk ist hier das Château d’Aigle (Adlerburg) aus dem 11. und 13. Jhdt.
Château d’AigleChâteau d’AigleChâteau d’AigleSkulptur „Eine wichtige Lehre“: Der Großvater unterweist seinen Enkel im Weinbau
Dann geht es bergwärts. Von Verschiez, mehr Weiler als Dorf habe ich eine schöne Aussicht auf das Rhonetal.
RhonetalRhonetal
Um ins Winzerdorf Ollon zu kommen, muss ich wieder einige Höhenmeter nach unten gehen. In der Kirche kann man ein schönes Beispiel für „Blut- und Bodenmalerei“ bewundern.
Ollon – KircheFrédéric Rouge 1939
Ich mache kurz Rast im Kaffeehaus am Platz und wen treffe ich dort?
Albert Einstein
Es geht nochmals aufwärts und über den nächsten Hügel. Diesmal aber hauptsächlich durch Wald. Manchmal gibt es sogar Naturboden.
Waldweg Waldweg Abstieg ins Tal
Entlang eines „völlig naturbelassenen“ Gerinnes gehe ich bis zur Rhone.
La Gryonne
Davor überquere ich die Autobahn A9 (E27).
Autobahn A9 (E27).
Der Rhone bin ich ja schon in Frankreich ein Stück weit gefolgt. Heute zeigt sie sich im Kanal schnell und sehr trübe.
Rhone
An einem Brückenpfeiler sind Hochwassermarken angebracht. Da kann man erkennen, wie wenig Wasser der Fluss eigentlich führt.
Rhonebrücke bei Envanel
Für Fußgänger und Radfahrer gibt es bei Masongex einen eigenen Steg.
Steg über die Rhone
Endlich treffe ich in Saint-Maurice ein und ich bekomme gleich im Klosterladen meinen Zimmerschlüssel.
Saint-MauriceSaint-Maurice – Klosterladen und UnterkunftKlösterliche Schlichtheit
Danach besuche ich die Basilika des Saint-Maurice und das angeschlossene Museum.
Mein Kirchenbesuch wird von schöner Orgel-Livemusik begleitet.
Kirchenraum OrgelOrgeltisch
Das Museum ist absolut sehenswert. Es zeigt die Ausgrabungen der Vorgängerkirchen seit dem 3. Jhdt. Auch die Stelle, wo der Hl. Moritz bestattet wurde, ist erkennbar.
Archäologisches Feld der VorgängerkirchenGrablege des Saint Maurice
Der Klosterschatz ist einzigartig. Verschiedene Reliquienschreine und Gaben großer mittelalterlicher Kaiser sind hier zu finden.
Kopfreliquie des Saint Maurice Kanne von Karl dem Großen 9. Jhdt.
Am Abend gehe ich mit Brigitte aus Deutschland noch zum Essen. Es war nicht gerade eine kulinarische Erleuchtung. Hauptsache: Satt.
Das Schweizer Wetter und ich haben offenbar ein Spannungsverhältnis. Ich hoffe, die Erfahrungen von 2016 wiederholen sich nicht. Damals hat es gefühlt jeden zweiten Tag geschüttet.
In der Nacht beginnt es wetterberichtsgemäß zu regnen. Ich lasse mir beim Frühstück Zeit, weil meine Bahn nach Vevey erst um 9 Uhr geht. Das Frühstück ist wieder recht reichhaltig.
Ich werfe mich gleich in die Regenkluft, auch den Rucksackinhalt habe ich erstmals durch einen Müllsack innen geschützt.
In voller Regenmontur
Die Bahn ist pünktlich und nach 10 Minuten steige ich in Veley aus. Ich mache ein kurzes Sightseeing, weil die Altstadt auf dem Weg liegt.
Als ich an den See komme, liegt der grau und wellig vor mir.
Genfersee
Kurz kann ich noch am Uferweg entlang gehen, dann sind die Ufergrundstücke nur mehr privat. Ich gehe entlang einer breiten Straße, die vor allem seeseitig und hohen Bäumen und Mauern gesichert ist, damit niemand einen Blick auf die dahinterliegenden Villen werfen kann.
Veley – Grand RueNestleIn Richtung Montreux
Erst kurz vor Montreux beginnt wieder eine richtige Seepromenade. Die ist mit Kunstwerken und fremdländischen Pflanzen gespickt.
Montreux – Seepromenade Eidechse
Das 2M2C Montreux Music & Convention Center ist ein riesiger Komplex im Stadtkern.
2M2C – Montreux Music & Convention Center
Gegenüber steht das Montreux Palace Hotel, in dem all die Celebritäten, die die Stadt heimsuchen, Hof halten.
Montreux Palace Hotel
Gegenüber in einem kleinen Park kann man ihnen begegnen, wenn auch nur in Bronze.
Miles DavisElla Fitzgerald Santana
Ein Stück weiter kommt einem noch Freddie Mercury entgegen.
Freddie & Me
Ich komme bei meinem Nachtquartier in Territet vorbei und es regnet sich jetzt richtig ein. Ein paar Kilometer später sehe ich erstmals der Schweiz wichtigste Burg, das Château de Chillon in den Regenwolken.
Château de Chillon
Das Schloss hat im Laufe seiner tausendjährigen Geschichte als Verwaltungssitz und Gefängnis eine wichtige Rolle gespielt. Lord Byron hat ein Gedicht über einen Gefangenen verfasst und sich auch selbst im Keller verewigt. Heute gibt es dafür ein Café mit seinem Namen, wo ich mich etwas trocknen kann.
Château de ChillonChâteau de Chillon
Zufällig kommt ein Schaufelraddampfer, die „MS Vevey“ daher. Das 1907 als Dampfschiff gebaute Schiff fährt heute dieselelektrisch betrieben.
MS Vevey
Irgendwann am Nachmittag hört es auf zu regnen. Die Wege und Straßen sind meist asphaltiert und so gut begehbar.
Im Rhonetal
Dann kommt noch die Sonne heraus und ich hoffe, etwas trockener zu werden.
Der Weinort Yvorne strahlt schon in der Sonne.
Yvorne
Dann geht es nur mehr bergab nach Aigle.
Blick auf Aigle
Ein Nebenfluss der Rhone, „Grand Eau“ – „Großes Wasser“, ist durch die Regenfälle sehr schlammig.
Grand Eau
Ich wandere durch die Stadt zum Bahnhof und fahre nach Territet zur Jugendherberge zurück.
Ich habe in Aigle kein einigermaßen günstiges Quartier gefunden. Drum mache ich wieder ein Unterkunftshopping und nehme nochmals das gestrige Quartier
Aigle
Heute esse ich in einem Lokal mit damaskischer Küche. Es ist köstlich.
Gestern beim Abendessen habe ich noch Kathrin, eine Schweizerin mit Wurzeln in Kärnten getroffen. Sie ist auf dem Jakobsweg unterwegs. Wir haben uns kurz über den Weg ausgetauscht.
In der Nacht habe ich mich richtig gut erholen können und das ausgiebige Frühstück hat mich weiter aufgebaut.
Wenige Meter von der Herberge, nur durch eine Schnellstraße getrennt, steht das Hauptgebäude des IOC – International Olympic Committee.
International Olympic CommitteeInternational Olympic Committee
Unweit davon ist das Stade Pierre de Coubertin, eine schöne Leichtathletik – Anlage, bei der Erinnerungen wach werden.
Stade Pierre de Coubertin
Gleich danach mache ich mit den Zeugnissen des Römischen Reiches in Lausanne Bekanntschaft. Im Jahr 15 v. Chr. gerieten die hier ansässigen Kelten unter römische Herrschaft. Es wurde der Marktflecken Lousonna (keltischer Name) gegründet. Die antike Stadt zählte nach kurzer Zeit über 1500 Einwohner. Vor der Stadt wurde ein Theater errichtet, während sich die wohlhabenden Stadtbewohner an den Flanken des Hügels niederließen (wie heute).
Römisches Mosaik
Die Basilika diente vor allem der Verwaltung der Siedlung.
Reste einer Basilika ca. 40 n. Chr.
Dann setze ich meinen Weg am See fort. Zwischendurch kommen sogar Wellen auf.
Am Seeufer
Das Wetter hält nicht was die Vorhersagen versprechen. Vom Westen zieht kurz ein Gewitter mit Donner auf. Das klingt am See gleich viel bedrohlicher. Einen kurzen, heftigen Regenguss überstehe ich trocken unter einem Vordach.
Am Jachthafen
Noch zwei Mal werde ich mit Olympia konfrontiert: Am Ufer steht eine Skulptur mit der genauen Beginnzeit der nächsten Olympischen Spiele am 14. Juli 2028 in Los Angeles.
Olympia
Das Zweite ist das Olympische Museum in bester Lage etwas über dem See.
Olympisches MuseumOlympisches Museum
Jetzt geht die Wanderung entlang des Sees richtig los und ich kann mich auf die nun gültige Markierung einstimmen.
Die Wegnummer 70 ist die Via Francigena
Der Weg am See ist sehr vielgestaltig. Manchmal muss ich aufpassen, dass ich von der Gischt nicht überrascht werde oder dass ich vor der nächsten Welle den nächsten festen Punkt erreiche. Es ist aber nicht wirklich gefährlich. Das Schlimmste was passieren kann ist, dass man nass wird.
Am Ufer des GenferseesAm Ufer des GenferseesAm Ufer des GenferseesAm Ufer des GenferseesAm Ufer des Genfersees
In Lutry hole ich mit in der Stadtverwaltung meine Stempel. Dort steht im alten Schloss noch eine Kanone im Hof (sicher ist sicher).
Auch der nächste Ort Villette hat ein interessantes Dorfkirchlein. Die reformierte Pfarrkirche Saint-Saturnin stammt in ihrer heutigen Gestalt aus dem 13. und 14. Jhdt. Im Chor sind Wandmalereien aus dem 14. und 15. Jhdt. erhalten.
Das ganze Ufer bis hoch zum letzten Fleckchen ist mit Wein bepflanzt. Die vorherrschende Weißweintraube ist der Chasselas oder Gutedel, eine der ältesten Traubensorten der Welt. Sie schmeckt hervorragend. Auch der Wein, den die Winzer hier produzieren, hat seinen Preis. Beim Rotwein ist hier der Malbec häufig. Seit tausend Jahren wird hier so Weinbau betrieben, nachdem Klosterbrüder die Rodung der Bewaldung der Hänge veranlasst hatten und Wein aussetzen ließen.
Chasselas oder GutedelMalbecWeinberge am Nordufer des GenferseesWeinberge am Nordufer des GenferseesWeinberge am Nordufer des Genfersees„Weinbergzug“ zum Transport in steilsten Lagen
Mitten in den Weinbergen habe ich ein Jubiläum gefeiert. Ich habe in den letzten dreizehn Jahren meiner Pilger- und Weitwanderaktivitäten den 11 000. Kilometer zurückgelegt. Ein Grund zum Feiern.
Jetzt beginnt mein Abstieg nach Vevey, einer geschäftigen Kleinstadt. Aber da ist noch was… Schon von der Ferne ist ein riesiger Baukomplex zu sehen, wenn man davor steht, findet man keinerlei Namen. Nur die Landkarte verrät, dass es sich um das Firmenzentrum des Nestlé – Konzerns handelt.
Ich übernachte heute in der Jugendherberge Montreux – Territet, die sich als die preiswerteste Möglichkeit herausgestellt hat. Heute bin ich mit der Bahn hingefahren und morgen geht’s wieder nach Vevey retour.
Das Abenteuer kann beginnen. Heidrun bringt mich zum Grazer Hauptbahnhof, der in nächtlicher Beleuchtung strahlt.
Vor dem Grazer Hauptbahnhof
Auf Bahnsteig 2 wartet schon der Nightjet 13484 Graz – Zürich, der dann auch pünktlich startet.
Nightjet 13484 Graz – Zürich
Im Liegewagenabteil ist zur Zeit nur ein weiterer Mitreisender. Ich hoffe, das bleibt so.
Mein Platz im Liegewagen
Jetzt geht die Fahrt einmal durch den Koralmtunnel nach Klagenfurt, Villach, Schwarzach-St. Veit, Innsbruck und Feldkirch.
Im Klostertal sind die ersten Sonnenstrahlen zu sehen, wenn die Berge nicht im Weg sind.
Im Klostertal
In Feldkirch endet die Bahnreise vorerst und ich fahre mit dem Schienenersatzverkehr weiter bis Buchs.
Bahnhofsvorplatz Feldkirch Bus nach Buchs
Die Ill fließt mitten durch die Stadt.
Ill
Unsere Straße führt uns jetzt durch das Fürstentum Liechtenstein. Hier gibt es noch ein Grenzhaus. Da Liechtenstein und die Schweiz im Schengenraum sind, ist das für uns ohne Bedeutung.
Grenzstation nach Liechtenstein
Kurz darauf überqueren wir den Rhein, der die Grenze Liechtenstein – Schweiz bildet. Der Fluss hat hier noch überraschend viel Wasser.
Rhein
In Buchs steige ich in den Regionalzug nach Sargans um.
Bahnhof BuchsInterregio 2205
Nach knapp 10 Minuten ist Sargans erreicht, wo ich in den ICE 108 in Richtung Hamburg wechsle.
ICE 108
Die Strecke führt am Walensee vorbei, der von den Churfirsten überragt wird.
Churfirsten
Am Zürichsee kommen bei Rapperswil und Pfäffikon Erinnerungen an meinen Jakobsweg auf, der mich hier durchgeführt hat.
In knapp einer Stunde sind wir in Zürich. Ich habe nur kurz Zeit, um in den IC 516 zu wechseln.
IC516
Jetzt habe ich alle Zugwechsel hinter mir und kann bis Lausanne entspannt die Landschaft genießen.
In Lausanne gehe ich zuerst einmal zu meinem Quartier, dem Jugendgästehaus nahe dem See im Westen der Stadt. Dort habe ich schon vor 10 Jahren übernachtet.
Jugendherberge Lausanne Jugendherberge Lausanne
Dann schließe ich eine Stadtbesichtigung an. Ich habe eine Tageskarte für die Öffis der Stadt bekommen und benutze den Bus und die U-Bahn.
Die Metro M2 ist fahrerlos unterwegs und seit 2008 in Betrieb.
Metro M2
Sie führt fast direkt zur Kathedrale Notre-Dame, ein klassischer gotischer Bau, der vor allem im 12. und 13. Jhdt. errichtet wurde. Heute ist sie die Hauptkirche der Reformierten Kirche der Stadt.
Was soll das? Der ist doch erst von Canterbury bis Reims gewandert! Warum jetzt plötzlich ab Lausanne? Die Lösung ist recht einfach: Der neue Abschnitt über den Großen St. Bernhard-Pass führt mit 2469 m über hochalpines Gebiet und ist für mich als alpin nicht sehr erfahrener Flachländer nur im Sommer bzw. Frühherbst, wenn die Strecke schneefrei ist, zu bewältigen. Wenn dort bis Juni eine dicke Schneedecke liegt, muss man sehr bergerfahren sein, dieses Risiko kann und will ich nicht auf mich nehmen.
Die Strecke Reims – Lausanne kann ich auch in klimatisch ungünstigeren Zeiten wandern.
Eine kleine Reminiszenz: Die Via Francigena oder der Frankenweg ist einer der traditionsreichen Pilgerwege Europas und führt von Canterbury durch Frankreich und die Schweiz, überquert die Alpen am Großen St. Bernhard-Pass und führt durch die Toskana bis nach Rom. Er basiert auf der Reise des Erzbischofs Sigeric im Jahr 990, führt durch 5 Länder und ist eine Kulturroute des Europarates.
Meine jetzt geplante Strecke startet in Lausanne, das ich schon auf meinem Jakobsweg durch die Schweiz erwandert habe. Von dort geht es am Nordufer des Genfersees oder Lac Leman über Montreux zum Zufluss der Rhone. Dann folgt der Weg der Rhone eine Zeit lang und steigt hinauf zur Passhöhe des St. Bernhard an der schweizer-italienischen Grenze. Von dort gelangt man hinunter in das Aostatal, dem die Strecke bis Ivrea folgt.
Ich lade euch ein, mir auf dem Weg virtuell zu folgen und freue mich auf euere Kommentare.
An guatn Weg allen, die gerade auf einem der vielen Pilger- und Weitwanderwege unterwegs sind.
Diese Zusammenfassung beschreibt die Via Francigena von ihrem ursprünglichen Startpunkt in Canterbury, England, nach Reims in Frankreich.
Anreise und Rückfahrt: Für die Anreisekam aus Kosten- und Zeitgründen nur der Direktflug Graz – London-Gatwick mit den British Airways in Frage. Anschließend ging es mit der Bahn nach Canterbury.
British Airlines Airbus A320-232
Die Rückreise von Reims nach Graz mit der Bahn war wesentlich komplizierter und teurer. Um an einem Tag die Strecke zu bewältigen war auch Glück mit im Spiel. Ein Rückflug nach Graz wäre zeitlich nicht kürzer, aber erheblich kostspieliger gewesen.
TGV InOui
Der Weg: Im wesentlichen habe ich mich an den „offiziellen“ Wegverlauf gehalten. Zwischendurch habe ich aber die Routen meinen Bedürfnissen angepasst.
Die meisten Wegabschnitte sind sehr gut markiert. Öfters verlaufen mehrere Wege auf identer Strecke. Das sind vor allem die GR 145 und die GR128. Es ist von Vorteil, über ein Offline – GPS-App (OsMand+ o.ä. ) zu verfügen, um sich auch alternative Routen aussuchen zu können oder in Städten die gewünschte Route zu finden.
Achtung: Meilen nicht Kilometer!
In England gibt es immer noch die alten traditionellen Footpathes, die schon seit Jahrhunderen bestehen und auch über Äcker verlaufen können.
Footpath querfeldein
So habe ich gleich die ersten beiden Strecken in Frankreich durch einen anderen Verlauf umgangen und dadurch Kilometer und Übernachtungen gespart.
Der Asphaltanteil ist zeitweise hoch, aber in guter Relation mit anderen Wegen. In England ist die Strecke noch leicht hügelig, in Frankreich jedoch sehr flach. Stark befahrene Strecken müssen kaum begangen werden. Manchmal ist man froh, wenn man einem Auto oder Traktor begegnet.
Unterkunft und Verpflegung: Im Anhang gibt es auch meine Unterkunftsliste, die aber nur eine Anregung sein kann. Die Aktualität ist sehr unterschiedlich. Es gibt wenige typische „Pilgerherbergen“. Im Wesentlichen ist man auf Pensionen und Hotels angewiesen.
Auf Campingplätzen werden oft Mobilehomes an Pilger vermietet. Sie sind sehr bequem, trocken und warm.
Mobilehome
Die Qualität der Quartiere ist nicht immer vom Preis abhängig. Besonders in Frankreich können mehrere Feiertage hintereinander dazu führen, dass alle erschwinglichen Quartiere ausgebucht sind. Vor allem am Wochenende gibt es auch wenig Busverbindungen, um in entferntere Quartiere auszuweichen.
Bed & Breakfast
Es lohnt sich, sich rechtzeitig um die Verpflegung zu kümmern. Es kann durchaus sein, dass es zwar eine Unterkunft, aber kein Essen gibt, oder, dass alle Geschäfte geschlossen sind. Sonst gibt es natürlich meist Kebab, Pizza oder Asia-Food.
Natur und Kultur: Der Weg führt sowohl in England als auch in Frankreich durch seit jeher agrarisch genutzes Gebiet mit teilweise Jahrhunderte alten Siedlungen. In England sind viele während des 2. Weltkrieges zerbombt worden. In Frankreich ist kaum ein Dorf in der durchwanderten Region im 1. Weltkrieg unzerstört geblieben. Im 2- Weltkrieg kam das Unglück noch ein zweites Mal. Zahlreiche Naturschutzgebiete, vor allem Feuchtbiotope, sind am Wegesrand interessant.
Die kulturellen Highlights auf der Route sind zahlreich, seien es vielen Relikte aus dem Mittelalter wie Kirchen und Burgen, oder Bauten aus dem Barock oder Art Deco. Fast jeder Ort kann mit einem mittelalterlichen Kern oder interessanten Gebäuden, aufwarten, die meisten sind aber wiedererrichtet.
Wanderführer: Für die Via Francicena gibt es einen aktuellen englichen Wanderführer.
„Walking the Via Francigena Pilgrim Route – Part 1: Canterbury to Lausanne“ (Cicerone guidebooks) Taschenbuch – 15. Februar 2023 Englisch Ausgabe von Sandy Brown (Autor)
Auch im Internet gibt es Apps und Links, die teilweise hilfreich sein können:
https://www.viefrancigene.org/ Diese Seite ist im Aufbau begriffen, Sie bietet die „offiziellen“ Routen und einige Quartiere.
Die App „Camino Ninja“ ist auch gerade im Aufbau. Sie ist sehr „Booking.com“-lastig.
Auf der Seite der Federation Francais de la Via Francigena (FFVT) wird alljährlich ein Adressenbuch angeboten: https://ffvf.fr/
Statistik:
An den 18 Gehtagen habe ich mehr als 475 km zurückgelegt, für die „nackten Nettokilometer“ bleiben nach Abzug der Stadtbesichtigungen und diverser „Ehrenrunden“ 446 km übrig. Dabei fielen etwa 3750 Bergauf- und 3480 Bergab- Höhenmeter an. Die Tagesstrecken lagen zwischen 18,1 und 39,2 km, im Median 26,0 km.
Alle Angaben bezüglich der Quartiere und Distanzen sind ohne Gewähr. Es liegt in der Eigenverantwortung des Benutzers, sich von der Richtigkeit zu überzeugen.
Heute morgen ist es trocken. So kann ich einmal die Regenklamotten im Rucksack lassen.
Heute geht es mit der Bahn heimwärts. Ich bin schon gespannt,ob sich der Fahrplan realisieren lässt.
Ich marschiere zum Bahnhof und hole mein Frühstück nach.
Gare de ReimsGare de Reims
Mein Zug ist ein TGV inOui mit allem Komfort. Ich habe ein 1. Klasse – Ticket bekommen (warum weiß ich nicht) und wir brausen mit bis zu 320 km/h durch die Landschaft.
TGV inOuiTGV inOui
Wir erreichen pünktlich Paris Gare de l’Est – ein riesiger Bahnhof. Ich habe wenige Minuten um kurz Pariser Luft zu schnuppern und begebe mich für die Weiterfahrt auf Bahnsteig 30.
Paris Gare de l’EstParis Gare de l’EstParis Gare de l’Est – Bahnhofsvorplatz Paris Gare de l’Est – zur MetroParis Gare de l’Est – ZuganzeigeParis Gare de l’Est
Der Zug ist ziemlich voll. Jetzt sitze ich in der 2. Klasse. Da sind jeweils vier Sitze pro Reihe.
Dann passiert es. Ein kurzer Knall und der Strom ist weg. Erste Diagnose: Eine Taube ist in die Oberleitung geflogen und hat ihr Leben beendet. Kurzschluss im System. Die Verzögerung der Abfahrt soll zehn Minuten betragen.
Nach ein paar Minuten: Jemand hat seinen Regenschirm von einem Übergang auf die Oberleitung entsorgt. Alle Bahngleise sind ohne Strom. Die Verzögerung wird mehr als 30 Minuten betragen. Wir werden sehen….
Um 09.55 statt um 09.06 geht es endlich los. Vielleicht fährt der Zug 400km/h, dann geht sich das bis Mannheim locker aus.
Derzeit ist die Verspätung konstant bei 50 Minuten geblieben.
In Mannheim steht gerade ein Zug nach Augsburg -München zur Abfahrt bereit. Hinein und weiter geht’s. Sogar einen Sitzplatz habe ich bekommen.
Jetzt sitze ich im letzten Zug nach Graz, im ICE 211. Nun kann ich wenigstens keinen Anschluss versäumen.
ICE 211
Hohensalzburg im Abendlicht: nur mehr vier Stunden bis Graz.
Hohensalzburg
In Bischofshofen ist kein Lokführer da. Der steckt im verspäteten Gegenzug. Daher kommt eine Verspätung von 25 Minuten zustande. Was solls, bei einer Gesamtzeit von 17 Stunden.
Graz – Hauptbahnhof
Ich werde am Bahnhof von Heidrun, meiner lieben Frau, Bodenstation in Planungsfragen unterwegs und Unterstützerin abgeholt.
Eine ereignisreiche Wanderung geht gut zu Ende. Allen an guatn Weg!
Der gestrige „Ruhetag“ hat sicher gut getan. In der Früh gehe ich bei schönem Wetter erst einmal zum Bahnhof, um etwas Proviant zu requirieren und anschließend zur Bushaltestelle hinter dem Bahnhof.
Der Bus kommt pünktlich und bringt mich nach Cormicy zurück. Dort habe ich am Samstag in den Bus gewechselt.
Ich komme schnell in einen guten Rhythmus. Gleich nach der Ortsgrenze bin ich heute von Weingärten umgeben. Die Stöcke sind auch im hohen Alter sehr niedrig gehalten.
Weingarten
Die drei am häufigsten für Champagner verwendeten Rebsorten in der Bezeichnung sind Chardonnay, Pinot Noir (Blauburgunder) und Meunier.
Am Weinberg
Die Blüten sind gegenüber unseren zu Hause zwei Wochen hintennach.
Weinblüten
Ein Künstler hat dieses Tor hat für eine Zeichnung verwendet
Tor
Die Kirche Saint-Sauveur von Hermonville aus dem 12. und 13. Jhdt ist leider den Tauben überlassen.
Hermonville – Saint-Sauveur
In einem Garten entdecke ich die ersten roten Kirschen.
Kirschen
Am Waldrand stehen fünf Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr. Es dürfte sich um eine Einsatzübung gehandelt haben. Kein Einsatz für das KIT.
Feuerwehrautos
Bei Merfy sehe ich zum ersten Mal auf Reims. Es ist noch ziemlich weit entfernt.
Reims
Erst muss ich die Autobahn A26 überqueren.
A26
Wieder stoße ich auf einen der vielen Kanäle, die heute ihre Bedeutung verloren haben. Der Canal d’Aisne à la Marne. Auf ihm kann man ins Zentrum von Reims fahren.
Canal d’Aisne à la Marne
Alt trifft auf neu:
Canal d’Aisne à la MarneCanal d’Aisne à la Marne – Kongresszentrum
Über diese Brücke komme ich direkt zur Kathedrale.
Pont de Vesle
Jetzt bin ich am Ende des ersten Abschnittes auf der Via Francigena angekommen.
Reims – vor der Kathedrale
Die Via Francigena und der GR 145 sind zwei treue Begleiter gewesen. GR steht für Sentier de Grande Randonnée oder Fernwanderweg.
GR 145
Ich gehe noch in die Kathedrale, wo ich einen schönen Stempel für meine Sammlung bekomme und als Pilger registriert werde.
Kathedrale
Nach einer kurzen Pause im Hotel streife ich noch durch die Innenstadt.
Das Postamt wurde 1926/27 entworfen und aus Beton erbaut. Das Rondell mit einem Durchmesser von 17,5 m ist für den Publikumsverkehr gedacht.
PostamtPostamtPostamt
Den Abschluss des Rundganges bildet Église Saint-Jacques de Reims, die von 1190 bis 1270 errichtet wurde.
Église Saint-Jacques de ReimsÉglise Saint-Jacques de ReimsÉglise Saint-Jacques de Reims