Das Gebäude, in dem ich heute geschlafen habe, stammt aus dem 12. Jhdt., ein Dachbalken im obersten Geschoss ist mit 1775 datiert. Ein wahrlich historisches Haus.

Das Frühstück ist wieder ausreichend und wird vom freundlichen und hilfsbereiten Chef persönlich serviert.
Ich gehe bei blauem Himmel nochmals die paar Meter zur Kathedrale um sie mir von außen und vor allem von der Seite nochmals anzusehen.

Die Fensteröffnungen sind noch viel kleiner und die Stützpfeiler nicht so ausgeprägt. Damals sind ja auch einige Bauwerke während des Baus zusammengestürzt. Auch die vier Türme aus der Frühgotik sind interessant


Die Aussicht ist nicht so klar, die Luft noch feucht.

Nun gehe ich durch die fast menschenleere Hauptstraße Richtung Westen, versorge mich mit etwas Proviant und genieße die Ruhe der erwachenden Stadt.

Im Westen steht die zweite große Kirche, die Èglise Saint-Martin, die zur Abbaye Saint-Martin gehörte. Das Kloster wurde 1124 gegründet. Es ersetzte eine karolingische Klostergemeinschaft, die es mit dem klösterlichen Leben nicht so genau nahm. Deshalb holte der Bischof Ordensleute des von Norbert von Xanten neu gegründeten Prämonstratenser Ordens. 1810 wurde das Kloster aufgelöst und in ein Spital verwandelt.

Ich verlasse die Stadt durch die Porte de Soissons, eines der Stadttore der Befestigungsanlage der Stadt.

Es geht steil den Berg hinab in die Vorstadt und gleich ins Grüne.

Aus der Entfernung zeigt sich die Kathedrale mit den vier Türmen noch einmal im Sonnenlicht.

Das Wetter ist heute sehr wechselhaft. Sonnenschein und Regenschauer wechseln sich ständig ab. In Bruyères-et-Montbérault besuche ich eine Bar, um dem Regenschauer zu entgehen.
Ein Vorgängerbau der Église Notre-Dame de Bruyères-et-Montbérault wird schon 630 erwähnt, 1083 wird ein Neubau eingeweiht. Zwischendurch diente die Kirche als Pferdestall und Feldlazarett.



Unterwegs treffe ich ein Pilgerpaar aus Dunkerque, das nach Santiago unterwegs ist.
Im kleinen Dorf Martigny-Courpierre treffe ich auf das zweite Highlight des heutigen Tages. Im ersten Weltkrieg wurde die Dorfkirche völlig zerstört. Im Gegensatz zu anderen Orten, wo man das Alte wiederherzustellen versuchte, ging man hier ganz neue, mutige Wege.
Die Kirche wurde zwischen 1929 und 1932 nach den Plänen des Architekten Albert-Paul Müller erbaut. Im Art-déco-Stil mit romanischen Einflüssen ist sie in Form eines lateinischen Kreuzes angelegt.
Die direkt auf die Zementwände gemalten Innengemälde der Kirche stammen von Eugène-Jean Chapleau; die Glasfenster wurden von Louis Barillet, Jacques Le Chevallier und Théodore-Gérard Hanssen geschaffen. Sie tauchen den Innenraum in ein Licht, das man von den großen Kathedralen gewöhnt ist.





Die Gestaltung der Turmkrone aus Beton ist bemerkenswert. Die Natur setzt ihre zusätzlichen Akzente.

Ich komme an einer Kette von kleinen Seen vorbei, die einerseits als Naturrefugien, andererseits als Erholungszentren genutzt werden.


Als wieder ein Regenguss einsetzt, gelingt es mir in einen Unterstand beim Tourismuszentrum zu flüchten und den Regen auszusitzen. Danach geht es über einen neuen Radweg weiter.

Der führt direkt zu den Ruienen der Abbaye de Vauclair, dem dritten Höhepunkt des Tages.
Das Kloster wurde 1134 von Bernhard von Clairvaux gegründet und war ein Tochterkloster der Primarabtei Clairvaux. Es wuchs so rasch, dass es bereits im 12. Jhdt. erweitert werden musste. Der größte Teil der Gebäude blieb auch in der französischen Revolution intakt. Erst als nach starker Beschädigung im 1. Weltkrieg die Anlage als Materialquelle diente, erfolgte der Niedergang.



Dann komne ich ordentlich unter Druck. Ein neuer Regenguss ist vorhersehbar und das Quartier noch gut zwei Kilometer entfernt. Ich schaffe es, trocken in Bouconville-Vauclair anzukommen.



Tagesstrecke: 28,3 km; ↑203 m; ↓281 m
